Über 50 Websites der Verbraucherzentralen aus einer Codebase. Ein Relaunch bei laufendem Betrieb, unbemerkt von Millionen Ratsuchenden.
In aller Kürze
Im Juni 2026 ging einer der reichweitenstärksten föderalen Webauftritte Deutschlands in neuem Gewand online. Die Gemeinschaftsredaktion der Verbraucherzentralen hat ihren Auftritt gemeinsam mit erdfisch auf Drupal 11 relauncht. Anfang 2025 haben wir begonnen, das rund zehn Jahre alte, historisch gewachsene Setup abzulösen. Am Ende lief der Switch, ohne dass die Millionen Besucher:innen, die jedes Jahr Rat suchen, davon etwas mitbekamen. Das Projekt hat auch die Sites-Modulsuite noch einmal einen erheblichen Schritt nach vorn gebracht.
Über den Kunden
Die Verbraucherzentralen sind die wichtigste institutionelle Interessenvertretung der Verbraucher:innen in Deutschland – gewissermaßen das Gegenstück zu den Wirtschafts- und Branchenverbänden auf Unternehmensseite. Organisiert sind sie föderal: 16 unabhängige, gemeinnützige Verbraucherzentralen in den Bundesländern, dazu der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) für die übergreifenden und politischen Aufgaben. Federführend für die Online-Präsenzen ist die Gemeinschaftsredaktion mit Sitz bei der Verbraucherzentrale NRW in Düsseldorf.
Die Verbraucherzentralen informieren und beraten zu nahezu allen Fragen des Verbraucheralltags: von Verträgen, Energie und Telekommunikation über Finanzen und Versicherungen bis zu Datenschutz, Lebensmitteln, Gesundheit und Online-Handel. Neben rund 200 Beratungsstellen vor Ort findet diese Arbeit zunehmend online statt.
Entsprechend groß ist die Reichweite: Der Auftritt verzeichnet über 70 Millionen Besuche pro Jahr und bietet mehr als 1.700 Wissensartikel.
Projektgrundlage
Technisch laufen über 50 Websites – Dachportal, 15 Landesportale und dutzende Projektseiten – auf einer gemeinsamen Codebase. Gepflegt werden sie von rund 160 aktiven Redakteur:innen, von denen bis zu 30 gleichzeitig im Backend arbeiten. Die Migration umfasste rund 58.000 Inhalte und über 21.000 Redirects. Publiziert wird in bis zu zwölf Sprachen, inklusive Leichter Sprache und rechtsläufiger Schriften.
Der Umsetzungszeitraum von der Konzeption bis zur Migration begann Anfang 2025, live ging der neue Auftritt im Juni 2026. Zuvor lief der Verbund auf einem Drupal-Konzept aus dem Jahr 2015, das nicht mehr genügend Skalierungsspielräume bot: Echte Mehrsprachigkeit war nicht sauber abbildbar, der Medienbestand war auf rund 70.000 Dateien angewachsen, und zahlreiche Individualentwicklungen ließen sich inzwischen durch Standardlösungen ersetzen. Mit der Verbraucherzentrale Niedersachsen zog außerdem eine bislang eigenständige Landeszentrale in das Gemeinschaftssystem ein.
Ziele
Ergebnisse
„Skalierbarkeit ist hier nicht nur ein Wort aus dem Lehrbuch. Ich konnte direkt die Potenziale erkennen, an die wir nun in der Weiterentwicklung anknüpfen können.” — Operative Projektleitung der Gemeinschaftsredaktion
„Der Relaunch ist ein Quantensprung, wie ich finde. Was ihr in den letzten Wochen und Monaten geleistet habt, ist außergewöhnlich. Hinter dem, was nach außen so selbstverständlich und ‚geräuschlos’ wirkt, steckt enorm viel Einsatz, Abstimmung und Fachwissen. Besonders beeindruckt mich neben der Umsetzung auch das Redaktionshandbuch: durchdacht, klar und hilfreich für die Arbeit.” — Feedback aus einer Regionalredaktion
„In meinen zehn Jahren bei der Verbraucherzentrale war die Durchführung des Relaunches mit euch das beste Jahr. Das Ergebnis ist großartig.”
Operative Projektleitung der Gemeinschaftsredaktion
Herausforderungen
Umsetzung
Getragen wird alles von der Sites-Modulsuite, die erdfisch für genau solche föderalen Strukturen entwickelt hat: Auf Basis von Sites und Group liegt aller Content zentral in einer Datenbank, wird aber granular über Berechtigungen gesteuert. So arbeiten die Redaktionen parallel, ohne sich in die Quere zu kommen, und dank klarer Canonical-Logik bleibt für Suchmaschinen und KI-Systeme stets eindeutig, welche Domain der Ursprung eines Inhalts ist.
Der eigentliche Clou: Bisher war Regionalisierung strikt domainspezifisch – ein Inhalt lief entweder auf einer Domain oder gar nicht. Der Wunsch der Verbraucherzentralen war jedoch, dass Besucher:innen auf dem reichweitenstarken Dachportal direkt das passende Angebot ihrer eigenen Landeszentrale sehen.
Mit dem neuen „Region Context" wählen Nutzer:innen ihr Bundesland, und an vordefinierten Stellen erscheinen automatisch die passenden Regio-Inhalte – ohne dass die zentrale Bundesebene dafür verändert werden muss. Landesspezifische Beratungsangebote lassen sich damit erstmals mitten im bundesweiten Content platzieren, beispielsweise mit dem Thema verwandte Beratungsangebote vor Ort.
Damit die rund 160 Redakteur:innen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungswerten selbstständig arbeiten können, haben wir einen redaktionellen Baukasten aus Layout Builder, Paragraphs und einem flexiblen Teaser-System entwickelt: Ein Teaser zieht seine Inhalte entweder automatisch aus einem bestehenden Beitrag - inklusive automatischer Aktualisierung bei Änderungen - oder wird frei zusammengestellt; Darstellung und Layout (Listen, Cards oder Slider) lassen sich unabhängig davon wählen.
Ergänzt wird das durch das Slots-Modul, mit dem die Gemeinschaftsredaktion zentrale Inhalte automatisiert an definierten Stellen einblenden kann, ohne dass die Länderredaktionen sie einzeln pflegen müssen.
Und wenn das noch nicht reicht, gibt es die Möglichkeit, „Multi-Purpose-Views“ mit über Layout-Bilder pflegbaren Anweisungen zu füttern, um individuelle Zusammenstellungen auf eigenen Landingpages anlegen zu können, ohne eine Agentur oder die Gemeinschaftsredaktion um Unterstützung bitten zu müssen.
Das Ergebnis: ein einheitlicher Marken-Look über alle 50+ Websites, bei gleichzeitig großer gestalterischer Freiheit für jede einzelne Redaktion – und ganz ohne Entwicklungsaufwand im Alltag.
Barrierefreiheit war dabei von Anfang an mitgedacht, statt nachträglich aufgesetzt: Der gesamte Baukasten ist Mobile-First entwickelt und wurde komponentenbasiert direkt in Storybook auf WCAG 2.2 geprüft – ein einmal geprüfter Standard gilt automatisch für jede Seite, die daraus entsteht.
Herausfordernde Migration
Die Inhalte des neuen Auftritts wurden aus zwei bisher getrennten Drupal-Instanzen zusammengeführt: dem bestehenden Gemeinschaftsauftritt und dem eigenständigen Auftritt der VZ Niedersachsen. Angesichts von rund 58.000 Nodes, verteilt auf 25 Inhaltstypen, ging das nur automatisiert und teilweise KI-gestützt.
Dabei ging es nicht ums bloße Umziehen. Inhaltstypen wurden konsolidiert und verschlankt, Inhalte in das neue Datenmodell mit verschachtelten Paragraphs überführt und über 21.000 Redirects übernommen, damit Suchmaschinen und verlinkende Websites nach dem Umzug unterbrechungsfrei landen. Ergänzt haben wir das durch eine zentrale Mediendatenbank mit sauberer Verwaltung von Urheber- und Lizenzhinweisen (inklusive der Möglichkeit, das Bild eines Teasers z. B. nur in Bayern auszuspielen), automatischer Verschlagwortung nach Herkunfts-Bundesland und Hilfen zum Aufräumen des über Jahre angewachsenen Dateibestands.
Fremdsprachige Inhalte waren längst fester Bestandteil. Es galt, Inhalte in bis zu 12 Sprachen zu migrieren (darunter Ukrainisch, Russisch, Polnisch, Englisch sowie Arabisch, Farsi und Dari), die aber noch nach dem alten Prinzip verbundener Nodes angelegt worden waren.
Der neue Auftritt unterstützt nun mehrere Sprachversionen pro Inhalt, spiegelt die Sprache in der URL wider und stellt komfortable Umschalter bereit. Für rechtsläufige Schriften (RtL) und für die Leichte Sprache, die wir bewusst wie eine eigene Sprache mit eigenem Layout behandeln, kommen jeweils passende Darstellungen zum Einsatz. Ergänzt wird das um strukturierte Daten nach schema.org (etwa für FAQ und Termine), damit die Inhalte für die wichtigste Trafficquelle, die Suchmaschinen, optimal aufbereitet sind.
Kein großes Open Source-Projekt kommt ohne die einzigartige Mitwirkung der Community aus. Im Gegenzug haben zahlreiche Drupal-Module aus dem Projekt heraus Weiterentwicklungen und Verbesserungen erhalten, darunter Slots, Paragraph Block, Form Decorator, Rabbit Hole Links, Component Behaviors und die Sites-Modulsuite selbst.
Das Projekt zeigt gut, wie Drupal die beste Lösung für komplexe Systeme ist – auch dann, wenn ein bestehendes Setup an seine Grenzen gekommen ist. Strukturierte Daten sind grundlegend für komplexe Migrationen, und darin hat Drupal seit Dekaden seine große Stärke.
Für eine überwiegend öffentlich finanzierte Organisation zählt zudem die digitale Souveränität: quelloffen, DSGVO-konform und ohne Vendor-Lock-in.
Gerade im derzeitigen politischen Klima ist eine demokratische, föderal organisierte Institution, die sich für die Belange der breiten Bevölkerungsmehrheit einsetzt, wichtiger denn je.
Die Verbraucherzentralen sind ein idealer Showcase für die Grundwerte von Drupal und Open Source.