Drupal-10-Relaunch der Universität Siegen: Migration aus Legacy-CMS, 1.200+ Einheiten, 1.000+ Redakteure, fünf neue Open-Source-Module, null Ausfallzeit.
Das neue uni-siegen.de ist eine große Web-Präsenz auf Basis von Drupal 10, die eine stark dezentralisierte Universitätsstruktur abbildet, in der jede Fakultät, jedes Institut und jede Verwaltungseinheit ihren Inhalt eigenständig pflegt – innerhalb einer gemeinsamen Plattform, die durchgehend einheitliche Standards gewährleistet.
Diese organisatorische Komplexität prägt die Architektur: Alle Einheiten werden über Workbench Access in ein granulares Berechtigungsmodell überführt, mit Rollen, die automatisch über eine Live-Integration mit dem Campus-Management-System HISinOne synchronisiert werden. Single Sign-On läuft über die bestehende Shibboleth-Infrastruktur der Universität.
Die Plattform verwaltet mehrsprachige Workflows über TMGMT mit DeepL-Integration und eigenen Glossaren, veröffentlicht Forschungsoutput automatisch per ORCID-Anbindung und betreibt Analyse und Cookie-Consent vollständig selbst gehostet. Die Performance basiert auf Lazy Loading und automatischer WebP-Konvertierung. Barrierefreiheit erfüllt BITV 2.0 / WCAG 2.1 AA: Editoria11y gibt Redakteuren direkt beim Arbeiten inline Hinweise, und das Progressive Accessibility Widget, eine DSGVO-konforme Integration des Sienna Widgets ohne Drittanbieter-Anfragen, ermöglicht Besuchern, die Darstellung der Seite an ihre Bedürfnisse anzupassen.
Das Redesign basiert auf einem vollständigen Designsystem in Figma mit responsiven Design Tokens für alle Gerätegrößen und einer Komponentenbibliothek, die direkt in die modularen Content-Typen der Plattform überführt wurde. Die visuelle Identität wurde in Zusammenarbeit mit mc-quadrat entwickelt. Redakteure können Seiten eigenständig aufbauen und erweitern, während das Design-System die visuelle Konsistenz auf allen Seiten sicherstellt. Die Plattform wächst mit der Universität mit, anstatt sie einzuschränken, und wird derzeit um einen RAG-basierten KI-Chatbot erweitert, der Fragen auf Basis der eigenen Inhalte der Universität beantwortet statt auf einem allgemeinen Modell, wodurch Halluzinationen vermieden werden.
Das Ziel war ein vollständiger Relaunch der Web-Präsenz der Universität: das bestehende CMS ersetzen, hunderttausende Seiten neu strukturieren und den Redakteuren eine moderne Plattform bereitstellen, ohne ihren täglichen Betrieb zu unterbrechen. Die neue Plattform musste außerdem europäische Barrierefreiheitsstandards erfüllen, in bestehende Campussysteme integriert werden und vollständig DSGVO-konform sein.
Die Migration wurde ohne redaktionelle Ausfallzeiten abgeschlossen, und die Plattform ging vollständig barrierefrei und integriert live – mit automatisiertem Berechtigungsmanagement über die gesamte Organisation hinweg.
Die größte Herausforderung war der Relaunch ohne Ausfallzeiten, da XIMS, das seit zwei Jahrzehnten genutzte Legacy-CMS, kein Standardexportformat bot. Statt eines einzelnen Cutovers konfigurierte das Team den Server so, dass jede URL, die in Drupal noch nicht verfügbar war, weiterhin von XIMS ausgeliefert wurde, inklusive automatischer Übernahme durch Drupal, sobald der entsprechende Inhalt dort veröffentlicht wurde.
Personenprofile erforderten einen anderen Ansatz: Statt sie manuell in Drupal zu pflegen, baute das Team eine automatisierte Integration, die Profildaten direkt aus HISinOne zieht und dieses damit zur Single Source of Truth macht. Somit müssen Daten nur noch an einer Stelle gepflegt werden.
Die Organisationsstruktur der Universität stellte eine weitere große Hürde dar. Über 1.200 Einheiten – von ganzen Fakultäten bis hin zu einzelnen Forschungsgruppen – in ein funktionierendes Drupal-Berechtigungsmodell zu überführen, erforderte eine automatisierte Rollenzuweisung auf Basis der Campus-Management-Daten, mit manueller Override-Logik für studentische Hilfskräfte und einheitenübergreifende Mitarbeitende.
Schließlich zeigte sich, dass der übliche Ansatz nachgelagerter Barrierefreiheitsprüfungen auf einer Plattform, auf der so viele Redakteure eigenständig veröffentlichen, nicht skaliert. Daher wurden Warnungen und Hilfestellungen direkt in die Redaktionsoberfläche integriert.
1. Unicode Soft Hyphens: vom Projektbedarf zum veröffentlichten Modul
Für die Redaktion in Siegen haben wir eine Funktion entwickelt, mit der sich bedingte Trennzeichen in Seiten- und Blocktiteln setzen lassen – auch dort, wo HTML-Zeichen wie ­ nicht möglich sind. So können Redakteurinnen und Redakteure den Umbruch langer Begriffe steuern, ohne die Titel in HTML-Felder umzubauen. Die zunächst projektspezifische Lösung wurde anschließend als „Unicode Soft Hyphens“ auf Drupal.org veröffentlicht und steht anderen Drupal-Projekten zur Verfügung.
https://www.drupal.org/project/unicode_soft_hyphens
2. Cookies Addons: Consent für eingebettete Inhalte und den Drupal-AI-Chatbot
In Siegen setzen wir das von uns mitentwickelte und gepflegte Modul für die Einwilligung vor dem Laden eingebetteter Videos, iFrames und des Chatbots ein. Die Erweiterung für den Drupal-AI-Chatbot haben wir gemeinsam mit DevBranch öffentlich entwickelt, geprüft und in das Modul übernommen. Andere Websites können diese Integration ebenfalls nutzen, statt eine eigene Consent-Anbindung für ihren Chatbot zu bauen. Entwicklung, Review und Merge sind in Issue #3563638 dokumentiert:
https://www.drupal.org/project/cookies_addons/issues/3563638
3. Slider Collection: wiederverwendbare Inhaltsbausteine
Die gemeinsam mit DevBranch entwickelte und gepflegte Slider Collection verbindet Slider-Bibliotheken mit Drupal Views und Feldformattern. Ein konkreter Beitrag aus unserem Projektteam ist der veröffentlichte Swiper-Formatter für Entity References und Entity Reference Revisions. In Siegen verwenden wir diesen unter anderem für Bildergalerien und Personenprofile. Damit steht diese Funktion auch anderen Drupal-Projekten als konfigurierbarer Baustein zur Verfügung:
https://www.drupal.org/project/slider_collection/issues/3495697
4. Öffentliches Drupal Cologne Meetup und Contribution Day
Am 18. Dezember 2025 haben wir das öffentliche Drupal Cologne Meetup bei uns in Köln-Ehrenfeld veranstaltet. Eingeladen waren Entwicklerinnen und Entwickler, Projektverantwortliche, Freelancer und Agenturen aller Erfahrungsstufen. Das offene Treffen bot Raum für den Austausch über laufende Projekte und technische Herausforderungen. PROGRESSIVE digital hat das Meetup organisiert und als Gastgeber unterstützt:
https://www.drupal.org/community/events/drupal-cologne-meetup-2025-12-18
Davon getrennt fand am 18. August 2026 unser Contribution Day statt. Dort haben wir gemeinsam an Reviews, Fehlerbehebungen und der CI-Infrastruktur von Contrib-Modulen gearbeitet, darunter Cookies Addons und Slider Collection. Damit führen wir die gemeinsame Pflege auch der im Siegen-Projekt verwendeten Bausteine über den Relaunch hinaus fort:
https://www.drupal.org/community/events/drupal-day-2026-08-18
Ergänzend haben wir das Siegen-Projekt mit seiner Architektur, der Modulauswahl und dem Vorgehen als öffentliche Case Study dokumentiert: https://new.drupal.org/case-study/university-of-siegen-complete-web-relaunch
Nur wenige Drupal-Projekte verbinden dieses Maß an technischer Komplexität, organisatorischer Größe und regulatorischen Anforderungen mit einer modernen, designgetriebenen öffentlichen Präsenz. Der Relaunch hat eine große deutsche Universität ohne eine einzige Unterbrechung des redaktionellen Betriebs aus einem geschlossenen Legacy-System herausgeführt, und jede Integration mit der Campus-Infrastruktur läuft durch die native Drupal-Architektur. Das Redesign zeigt dabei, dass eine öffentliche Plattform dieser Größe visuell überzeugend, vollständig barrierefrei und auf einem Designsystem aufgebaut sein kann, das Redakteure tatsächlich nutzen. Für die Universität bedeutet das auch geringere laufende Kosten: Das Berechtigungsmanagement über die gesamte Organisation ist jetzt automatisiert statt manuell, und Redakteure können Seiten eigenständig aufbauen und erweitern, ohne für Routineinhalte auf externe Entwicklungsarbeit angewiesen zu sein.
Was dieses Projekt von einem weiteren routinemäßigen Relaunch unterscheidet: Nichts davon wurde nur für Siegen gebaut. Das Accessibility Widget, die contributed Module und die zugrunde liegende Distribution sind alle für die Wiederverwendung aufbereitet, sodass die nächste Universität oder öffentliche Institution mit denselben regulatorischen Anforderungen irgendwo in der EU auf einer funktionierenden Grundlage startet statt bei null, entwickelt von einem Team, das im gleichen Zeitraum über 200 Issue-Credits auf Drupal.org beigetragen hat.